Linux kann Anfänger mit seiner Vielfalt verwirren

Eine kleine Vorstellung wie Linux bei Dir oder bei Euch eingesetzt wird, gerne können sich auch Firmen und Organisationen melden - dies sollte die Firma oder die Organisation dann natürlich auch genehmigen
rockyracoon
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Linux kann Anfänger mit seiner Vielfalt verwirren

Beitrag von rockyracoon »

Vielleicht hilft dieses kleine laienhafte "Kompendium" beim Einstieg in Linux.
Die "Vielfalt" von Linux ist imho Fluch und Segen zugleich: siehe auch https://distrowatch.com/
Fluch, weil "wer die Wahl hat, hat die Qual" und Segen, weil wirkliche Entscheidungsfreiheit herrscht.

Daher ein paar Ordnungshinweise, welche aber nur meine ganz persönliche und laienhafte Sicht widerspiegeln.

(1) Distributionen - Ich sehe folgenden Hauptstränge:


- Arch-Linux. Nur für Profis. Es gibt aber benutzerfreundliche Epigonen davon: Zum Beispiel Manjaro. Robert Gödl hat dazu ein gutes Buch geschieben (app.php/manjaro---das-buch). Der Vorteil liegt in der Aktualität der Programme. Dabei sind aber Sicherheitsvorkehrungen zu beachten, damit man sich nicht sein System zerschießt.

- Open-Suse beruht auf dem Paketmanager RPM, welcher darauf achtet, dass die Programme gut miteinander funktionieren. Mehr kann ich zu Suse nicht sagen, weil ich es nie ausprobiert habe.

- Von Red Hat gibt es mehrere kostenlose Ableger, welche ebenfalls den Paketmanager RPM verwenden. Die bekannteste Distribution davon ist Fedora. Stets topaktuell, aber sehr kurzlebig und gelegentlich instabil.

- Debian und seine sehr vielen Ableger von denen ich nur Ubuntu, Mint oder MX-Linux erwähnen will. Ich benutze und empfehle wärmstens Debian-Stable, über das hier im Forum auch viel Nützliches geschrieben wurde - viewtopic.php?t=476&hilit=debian oder viewtopic.php?p=1302#p1302 oder viewtopic.php?p=458#p458 . Andere schwören auf die erwähnten Epigonen. Hier gehen die Meinungen oft heftig auseinander und viele Nutzer empfehlen die Ableger von Debian, da sie bereits gut vorkonfiguriert seien. Da man sich Debian aber nach kurzer Einarbeitungszeit ohne unnötige andere Repositories (Paketquellen) nutzen zu müssen ebenso benutzerfreundlich gestalten kann, empfehle ich gleich Debian zu verwenden. Debian besitzt einen zuverlässigen und stabilen Paketmanager, welcher über ein Terminal oder die exzellente graphische Oberfläche "Synaptic" bequem verwaltet werden kann.

- Es gibt auch sehr gute andere Eigenentwicklungen. Dabei ist aber die Frage, wie lange sie existieren, beziehungsweise, ob es sich hier um "Eintagsfliegen" handelt. Beim produktiven Gebrauch zählt imho Nachhaltigkeit.

(2) Oberflächen - Das ist auch so ein für Anfänger verwirrendes Thema - viele Neulinge verwechseln zudem die Oberfläche mit der Distribution:

- Es gibt extrem spartanische Oberflächen, welche ich für den produktiven Gebrauch nicht empfehlen kann und diese daher erst gar nicht aufzähle. Diese Minimaloberflächen eignen sich bei extrem schwacher Hardware.

- Die Platzhirsche sind KDE (sehr schöne und vielseitig gestaltbare Oberfläche mit vielen sehr guten Standardprogrammen) und Gnome3 (für Minimalisten, welche aber ein modernes System und ebenfalls sehr gute Standardprogramme wollen).

- Sehr beliebt sind die Oberflächen XFCE und Mate, da sie an das "alte" Gnome2 erinnern. Beide Oberflächen sich gut ausgereift, etwas sparsamer im Ressourcenverbrauch als Gnome3 oder KDE und benutzerfreundlich.

- Als ressourcenschonende Oberfläche empfiehlt sich auch LXQT, was aber im Vergleich zu KDE, Gnome3, XFCE oder Mate nicht mehr ganz so bequem und umfangreich in seiner Konfigurierbarkeit ist.

So auf die Schnelle und "aus dem Bauch heraus" fällt mir zu den Distributionen und Oberflächen nichts mehr ein.
Zu diesem Thema könnte man kilometerweite Threads schreiben, welche aber auch nicht selten in Flames ausarten können.
Die Wahl kann man dem Neueinsteiger leider nicht abnehmen.
Ich glaube nicht, dass man sich durch das Lesen vieler Informationen gezielt für ein Linux-System entscheiden kann.
Auch wenn mir hier Viele widersprechen werden: Ein gewisses "Distro-Hopping", das heißt Ausprobieren und "Learning By Doing" scheint mir für Neueinsteiger unumgänglich zu sein, um ausreichende Erfahrungen zum Umsetzen der eigenen Bedürfnisse zu sammeln. Ratschläge wie "verwende diese oder diese Distribution" sind imho kontraproduktiv, da die Geschmäcker und Wünsche eben verschieden sind.
Mr. Monk
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Re: Linux kann Anfänger mit seiner Vielfalt verwirren

Beitrag von Mr. Monk »

Das sehe ich ähnlich so. Niemand ist als Linux-Profi gestartet und man muss auch keiner werden um das System einigermaßen im Griff zu haben. Jeder hat sein "Lehrgeld" bezahlt. Wer sich nicht gleich entmutigen lässt, wird in absehbarer Zeit mit einem funktionalen Betriebssystem nach seinen eigenen Vorstellungen "belohnt".
Wenn ich eine Empfehlung für eine bestimmte Distribution für Einsteiger aussprechen sollte, tendiere ich ebenfalls gleich zu Debian Stable. Viele Behauptungen, Debian wäre zu kompliziert, wurden hier in der Linux Bibel in verschiedenen Beiträgen entkräftet. Nahezu alle Desktop-Umgebungen lassen sich hier problemlos einrichten. Die Softwareauswahl ist riesig und das Handling relativ einfach.
"Es gibt auch Linux-Aussteiger. Aber die Rückfallquote steigt mit jeder Win-Version."
Calabi-Yau
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Re: Linux kann Anfänger mit seiner Vielfalt verwirren

Beitrag von Calabi-Yau »

Mr. Monk: "Viele Behauptungen, Debian wäre zu kompliziert, wurden hier in der Linux Bibel in verschiedenen Beiträgen entkräftet."

Es kommt m.E. immer darauf an, im Vergleich zu was Debian kompliziert ist. Mal ein kleines Beispiel von vorgestern: Ich wollte mir auf meinem Rechner (neuerdings Debain stable) eine DVD ansehen, ging aber nicht.
Erst durch mühsame Internet-Recherche habe ich herausgefunden, woran es liegt: Zunächst muss bei der source.list ein Eintrag hinzugefügt werden (dazu muss man auch wissen, wo die ist und wie man das genau macht), dann libdvd-pkg installieren, um am Ende zu libdvdcss2 zu kommen. Wenn man es weiß, ist das Ganze eine Sache von wenigen Minuten. Wenn man es jedoch - wie ich - nicht weiß, ist die Sache sehr zeitaufwendig. Zum Glück hat mich das nicht abgeschreckt und ich bin ans Ziel gekommen. Fazit des Abends: Jetzt weiß ich wenigstens, wie man sich unter Debian eine DVD ansehen kann. Nach der zweistündigen Prozedur habe ich allerdings den Film dann nicht mehr gesehen, weil es dazu leider zu spät war.

Und jetzt kommt der Vergleich: Okay, erfahrene Nutzer von Fedora oder Arch würden Debian natürlich nicht als kompliziert bezeichnen. Doch wenn jemand von Windows kommt, ist es ziemlich kompliziert. Bei Windows lege ich nämlich einfach die DVD ein und spiele sie ab, Änderungen am System sind dafür nicht notwendig. Wenn man die Sache aus dieser Perspektive sieht, ist Debian (wie Linux generell) schon gewöhnungsbedürftig und damit auch abschreckend.
rockyracoon
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Re: Linux kann Anfänger mit seiner Vielfalt verwirren

Beitrag von rockyracoon »

@Calabi-Yau:
Ich glaube, Du hast das sehr treffend formuliert. Ähnlich verlief mein Lernweg.

DVD`s abspielen, einen Wlan-Treiber installieren, die Pakete zur Kommunikation mit einem Smartphone kennen, Firefox per Opt in das System einbinden (Dateien mit Tar entpacken > mit mov-Befehl im Terminal zu opt verschieben > die Benutzerrechte anpassen > den Menulibre-Neueintrag mit dem richtigen Icon setzen - Wow :roll:) und Anderes ist sehr leicht, wenn man weiß wie es geht, aber schwer, wenn man sich das Wissen erst aneignen muß. Vor einem guten Jahr hatte ich heftige Probleme, bei einem neuen PC das UEFI-Geraffel zu verstehen, um Debian-Buster installieren zu können. Im Handbuch meines PC`s von einem Markenhersteller war nichts darüber zu finden, wie man das Secure-Boot abschaltet. Es gab nur eiinen Internetlink mit der dann sehr einfachen Lösung des Problems. Mich reizen solche Aufgabenstellungen wegen dem glückshormonsteigernden Erfolgserlebnis, für normale User ist so etwas aber absolut unzumutbar.

Open-Source ist imho der richtige Weg, aber man kommt eben nicht um proprietäre Pakete herum und es wird sogar immer mehr an der Hardware "herumgewerkelt". Honi soit qui mal y pense?

Ich habe daher oben die Links zu Debian-Anleitungen in der Linux-Bibel angegeben, um einem Neueinsteiger unsere Erfahrungen zu vermitteln und seinen Lernweg dadurch abzukürzen. Natürlich bleibt dennoch der Neueinstieg in Linux eine mentale Herausforderung, welche ein imho durchschnittlich intelligenter Mensch aber gut bewältigen kann. Wer das Alles nicht will - sein oder ihr gutes Recht - kann immer noch, und ich schreibe dies jetzt ohne Ironie oder Häme, Windows verwenden. Nichts ist leichter, als eine Exe.Datei zu installieren und ein Opt-Out-System zu verwenden. Er/sie muß dann dabei aber auch die Nachteile in Kauf nehmen, welche dies beinhaltet. Das ist jedem seine (noch) freie Wahl. Und was mir an Linux am besten gefällt ist, dass man gerade die Wahl hat und nicht bevormundet wird.

Vor noch drei Jahren hätte ich geschrieben, dass das Ganze nicht so unsinnig wäre, wenn die Konsumenten in Heerscharen zu Linux wechseln würden, weil es dann kein Opt-Out wie keine Datenschnüffelei mehr gäbe und die Hardare und Software einfach zu bedienen wäre. Mittlerweile habe ich das Missionieren für Linux aufgegeben und bin "ernüchtert" (vox populi...). Zudem denke ich sogar, dass es ein profunder Vorteil sein kann, wenn nur eine Minderheit Linux am PC nutzt. Denn wenn "die Masse" Linux nutzt, wird sie die wichtigen Grundprinzipien von Open-Source vielleicht aus Bequemlichkeit ausgehöhlt wissen wollen. Linux als Server-Basis hingegen ist bereits ein Erfolgsmodell, beschleunigt imho damit gleichzeitig aber auch ...
Bei Windows lege ich nämlich einfach die DVD ein und spiele sie ab, Änderungen am System sind dafür nicht notwendig. Wenn man die Sache aus dieser Perspektive sieht, ist Debian (wie Linux generell) schon gewöhnungsbedürftig und damit auch abschreckend.
Noch einfacher zu bedienen ist Android... :roll: (das war jetzt aber ironisch gemeint).
Zuletzt geändert von rockyracoon am Sa 4. Dez 2021, 09:55, insgesamt 6-mal geändert.
Mr. Monk
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Re: Linux kann Anfänger mit seiner Vielfalt verwirren

Beitrag von Mr. Monk »

Calabi-Yau hat geschrieben: Fr 3. Dez 2021, 12:21 Mr. Monk: "Viele Behauptungen, Debian wäre zu kompliziert, wurden hier in der Linux Bibel in verschiedenen Beiträgen entkräftet."

Es kommt m.E. immer darauf an, im Vergleich zu was Debian kompliziert ist. Mal ein kleines Beispiel von vorgestern: Ich wollte mir auf meinem Rechner (neuerdings Debain stable) eine DVD ansehen, ging aber nicht.
Erst durch mühsame Internet-Recherche habe ich herausgefunden, woran es liegt: Zunächst muss bei der source.list ein Eintrag hinzugefügt werden (dazu muss man auch wissen, wo die ist und wie man das genau macht), dann libdvd-pkg installieren, um am Ende zu libdvdcss2 zu kommen. Wenn man es weiß, ist das Ganze eine Sache von wenigen Minuten. Wenn man es jedoch - wie ich - nicht weiß, ist die Sache sehr zeitaufwendig. Zum Glück hat mich das nicht abgeschreckt und ich bin ans Ziel gekommen. Fazit des Abends: Jetzt weiß ich wenigstens, wie man sich unter Debian eine DVD ansehen kann. Nach der zweistündigen Prozedur habe ich allerdings den Film dann nicht mehr gesehen, weil es dazu leider zu spät war.

Und jetzt kommt der Vergleich: Okay, erfahrene Nutzer von Fedora oder Arch würden Debian natürlich nicht als kompliziert bezeichnen. Doch wenn jemand von Windows kommt, ist es ziemlich kompliziert. Bei Windows lege ich nämlich einfach die DVD ein und spiele sie ab, Änderungen am System sind dafür nicht notwendig. Wenn man die Sache aus dieser Perspektive sieht, ist Debian (wie Linux generell) schon gewöhnungsbedürftig und damit auch abschreckend.
Hallo auch von meiner Seite.
Ich habe ja nicht behauptet, dass Debian ein Kinderspiel ist. Nein gewiß nicht - und Linux, egal welche Distribution - bleibt zumindest zu Beginn immer eine Herausforderung. Wie bereits im Kommentar vor mir beschrieben. Deine Erfahrung hier mit Debian kann Dir hie und da bei jeder anderen Distro passieren. Und das ist genau der Punkt, was ich im Beitrag unter "Lehrgeld bezahlen" gemeint habe... Es gibt kein Betriebssystem, das ich nur einschalten muss, dann funktioniert alles einwandfrei.
Beruflich bedingt habe ich - leider - noch sehr viel mit Windows 10 bzw. jetzt 11 zu tun. Ein Graus, wenn ich zu Kundschaft gerufen werde, die sich einen neuen Laptop gekauft haben, zu Hause auspacken und loslegen wollen... Von Microsoft eine Zumutung an den User. Ich möchte mit so einem Gerät, von Otto-Normalverbraucher (das ist nicht despektierlich gemeint) eingerichtet nicht ins Internet...
Dieser weiß in der Regel auch nicht - dass er sich die relativ "einfache Bedienung" mit sicherheitsrelevanten Risiken "erkauft" hat. Von den "Heimfunker-Gewohnheiten" von Windows erst gar nicht zu reden...
Zurück zu Linux: Es kostet anfangs wirklich Zeit und Geduld sich bei Problemen - die immer wieder auftreten können und werden - Hilfe in Foren wie der Linux Bibel zu suchen und zu finden. Hilfe erhält man in der Regel aber dann auch meist zeitnah.
"Es gibt auch Linux-Aussteiger. Aber die Rückfallquote steigt mit jeder Win-Version."
rockyracoon
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Re: Linux kann Anfänger mit seiner Vielfalt verwirren

Beitrag von rockyracoon »

@Mr. Monk:
Dieser weiß in der Regel auch nicht - dass er sich die relativ "einfache Bedienung" mit sicherheitsrelevanten Risiken "erkauft" hat.
Leider fehlt hier im Forum ein Daumenhoch-"Smilie".
Mir scheint es besser, sich in Linux hineinzuarbeiten, was nun wirklich kein Hexenwerk ist, als sich in solche riskanten Abhängigkeiten zu begeben.
Hilfe erhält man in der Regel aber dann auch meist zeitnah.
Yep.
Hier in Roberts Forum, aber auch zum Beispiel im Debian-Forum, aber auch in allem anderen Linux-Communities.
Und das Ubuntu-Wiki ist wirklich sehr hilfreich und informativ: https://wiki.ubuntuusers.de/Startseite/

Linux = "Einer für Alle, Alle für Einen": https://de.wikipedia.org/wiki/Unus_pro_ ... es_pro_uno
oder
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